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Argumente oder Ängste? Warum gute Ideen nicht eingeführt werden

Von Dr.-Ing. Walter Tritt · Aus über dreißig Jahren Erfahrung mit einem Modell, das alle interessant finden - und fast niemand einführt.

In meinen Vorträgen über die Auftragsbörse habe ich jahrelang die Begründungen gesammelt, warum sie ausgerechnet im jeweiligen Haus nicht funktionieren kann. Die Sammlung ist lehrreich: Für fast jede Ausrede existiert das exakte Gegenteil - ebenfalls als Ausrede.

Die Liste der Ausreden

Hören Sie zunächst dieOriginal-Liste, so oder ähnlich fiel sie in Vorträgen und Besprechungen:

Im einen Haus heißt esIm anderen Haus heißt es
„Wir arbeiten objektgebunden.“„Wir arbeiten nicht objektgebunden.“
„Wir betreuen sehr verschiedene Techniken.“„Wir betreuen nur wenige Techniken.“
„Unsere Arbeiten sind nicht planbar.“„Unsere Arbeiten werden alle vorgeplant.“
„Wir brauchen Ortskenntnisse.“„Wir brauchen kaum Ortskenntnisse.“
„Unsere Aufträge sind besonders wichtig und eilig.“„Bei uns ist die Reihenfolge egal.“
„Unsere Aufträge hängen an festen Terminen.“„Wir haben keine festen Termine.“
„Wir verfügen über verschiedene Qualifikationen.“„Wir benötigen für alles dieselbe Qualifikation.“

Wenn beide Seiten dasselbe Modell ablehnen - einmal wegen der Eigenschaft, einmal wegen ihr Gegenteil -, dann kann die Eigenschaft nicht der wahre Grund sein. Es sind keine Argumente. Es sind Ängste.

Betriebsrat und Management - vertauscht

Besonders aufschlussreich ist dieses Paar:

„Der Betriebsrat wird Einwände wegen einer möglichen persönlichen Leistungsbeurteilung haben - obwohl das Management das System aus Effizienzgründen möchte.“

„Das Management lehnt ab, weil es seinen Einfluss füchtet - obwohl der Betriebsrat das System wegen der Selbstbestimmung und der objektiven, gerechten Leistungsbewertung begrüßen würde.“

Beides wurde mir gesagt. Nicht im selben Haus - aber innerhalb weniger Jahre. Wenn beide Lager dasselbe jeweils am anderen festmachen, ist das Hindernis nicht der Betriebsrat und nicht das Management. Das Hindernis ist die Angst vor dem Neuen selbst.

Die ewigen Klassiker

Dazu kommen die Ausreden, die immer passen, weil sie nie falsch sind:

Keine dieser Aussagen ist je widerlegt worden - sie müssen es auch nicht sein. Sie sind nicht da, um zu stimmen. Sie sind da, um nichts tun zu müssen.

Ein ehrliches Geständnis

Ich stelle diese Liste seit über dreißig Jahren zusammen. In dieser Zeit habe ich das Modell der Auftragsbörse in Vorträgen, Artikeln und unzähligen Gesprächen vorgestellt. Das Echo war fast immer freundlich: interessant, gut durchdacht, überzeugend. Und danach geschah meistens: nichts.

Das ist keine Anklage. Die Gründe sind menschlich und nachvollziehbar: Veränderung kostet erst einmal etwas. Wer eigenes aufgebaut hat, verteidigt es zu Recht. Und „interessant finden“ ist billig - „anfangen“ ist teuer. Aber ich halte fest: Wenn eine Idee gut ist und trotzdem nichts geschieht, dann nicht wegen der Liste. Dann wegen der Ängste dahinter: vor Kontrollverlust, vor Bewertung, vor dem, was nach der Einführung sichtbar werden könnte.

Genau deshalb ist die Auftragsbörse so gebaut, wie sie gebaut ist: Punkte bleiben privat - nicht einmal die Leitung sieht Einzelwerte. Es gibt keine öffentliche Bloßstellung, keinen automatischen Nachteil. Wer die Angst vor der Bewertung nehmen will, muss sie technisch nehmen - nicht durch Zusagen.

Was tatsächlich hilft

Aus dem Pilotprojekt 2006 weiß ich: Die ersten zwei, drei Monate sind Gewöhnung. Dann kippt die Stimmung - aus „Warum denn ich?“ wird „Warum bekomme ich die Arbeit nicht?“. Drei Dinge helfen:

  1. Klein anfangen. Eine Abteilung, drei Monate, dann entscheiden. Kein Konzernprojekt, keine Grundstücksentscheidung.
  2. Die Sicherung von Anfang an. Private Punkte, anonymisierter Vergleich, kein Leistungszwang - bevor Ängste entstehen, nicht danach.
  3. Ehrlich bleiben. Nicht schönreden, was das System nicht löst (etwa fehlende Aufträge), und nicht versprechen, was es nicht hält.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ - Erich Kästner

Fazit

Die Frage ist nicht, ob die Begründungen stichhaltig sind - die Liste zeigt: Sie ist es nie, denn ihr Gegenteil taucht anderswo als Begründung auf. Die Frage ist, ob es Argumente oder Ängste sind. Ängste gehören ernst genommen - mit einem kleinen, gesicherten Anfang statt mit einer Entscheidung über das ganze Haus.

Weiterlesen: Angst oder Anerkennung - derselbe Motor, zwei Ergebnisse zeigt, was passiert, wenn Punkte zur Drohung werden. Das Spezialisten-Dilemma zeigt die andere Seite: was geschieht, wenn die Anerkennung kommt. Und Aufgaben fair verteilen zeigt das Modell in der Praxis.

Weitere Publikationen zu wichtigen Themenfeldern des Dienstleistungsmanagements und zur Auftragsbörse finden Sie unter www.scwt.de.